Eigene Texte

Der Bleistift liegt in meiner Hand wie ein Schreibwerkzeug. Ich schreibezeichne eine Linie. Ohne Druck, achtsam und ruhig, als ginge es darum, eine magische Handlung zu vollziehen. Ich beobachte, wie die Linie entsteht. Ich bin ganz Auge und ganz Hand. Ich lausche auf das Echo der Linie in mir. Leise, kaum hörbar, bringt dieses Echo den Raum zwischen Augen und Hand zum Klingen. Ich bin ganz da.
Ich lasse die Linie ihre Richtung ändern: nach oben, nach links, nach unten, nach rechts. Ein Raum entsteht, den ich mit den Gedanken, Empfindungen und Erinnerungen fülle, die sich einstellen. Die Zeichnung wächst, breitet sich aus. Ich beschleunige die Bewegung des Bleistifts, verstärke den Druck. Ich lasse den Stift kreisen, klopfe einen Rhythmus ins Papier. Der Bleistift wird zur Nadel, die Linie zum Faden, mit dem ich verbinde und zusammennähe.

(Ateliernotiz, November 2008)

"Ein guter Teil meiner künstlerischer Arbeit besteht darin, mich selbst als Gefäß oder vielleicht besser noch als Sieb zu verstehen, in das ich alle Eindrücke, alles, was ich sehe, höre, rieche, ertaste, hineingebe. Dieses Sieb hat eine ganz bestimmte Art von Dichte, von Durchlässigkeit. Was durch das Sieb fällt und was hängenbleibt, ist bei jedem Menschen verschieden.
Wenn ich das, was ich gesammelt habe, durch mein Sieb schüttle, bleibt all das hängen, was mir als eine Art Pool für die künstlerische Weiterverarbeitung dient. Wie diese Weiterverarbeitung dann aussieht, welche Auswahl ich treffe, welche Materialien aus dem Pool ich zusammenbringe, hat natürlich viel damit zu tun, was für Fragen mich gerade am meisten beschäftigen oder welchen Themen ich gerade mehr auf den Grund gehen will."

(Ateliernotiz, Herbst 2007)

"Es reizt mich nicht, etwas zu malen, was ich mir ausgedacht habe. Ich möchte gar nicht wissen, wohin die Reise geht, lieber aufbrechen mit unbekanntem Ziel. Die Segel hissen und mit meinem Boot in See stechen. Dann und wann meine Netze auswerfen und schauen, was sich so alles darin verfängt.
Ohne ein klares Reiseziel gehe ich vielleicht ein höheres Risiko ein, Schiffbruch zu erleiden. Aber auf der anderen Seite vergrößere ich damit die Chance, ungeahnte Entdeckungen zu machen, Neuland zu betreten. Diese Aussicht lockt mich und lässt mich auch längere Flauten überstehen, die eine solche Reise nun einmal mit sich bringt."

(Ateliernotiz, April 2005)

"Wenn die weiße Leinwand vor mir auf der Staffelei steht, fühle ich mich manchmal verloren angesichts der vielen Möglichkeiten, die sich vor mir ausbreiten. Diese Freiheit will erst einmal ausgehalten werden!
Wie beruhigend ist es dann, mir klarzumachen, dass ich nicht mit jedem neuen Bild die Malerei neu erfinden muss. Ich kann durchaus das bekannte Material, die vertrauten Vokabeln verwenden. Es geht nur darum, dass ich sie auf meine eigene Weise forme. Dann kann etwas zum Ausdruck kommen, was mir neu und frisch entgegentritt, mich berührt, in Bewegung bringt, mir die Möglichkeit eröffnet, etwas auf eine Art zu sehen, wie ich es noch nie gesehen habe."

(Ateliernotiz, Januar 2003)

"Plötzlich schält sich das Bild aus der Leinwand heraus, als wäre es versteckt gewesen hinter einer Farbschicht, die nun aufbricht. Stark und präsent schafft es seine eigene Wirklichkeit und lässt mir keine Wahl. Ich muss es so anerkennen, wie es ist: schön und wüst, sperrig und einschmeichelnd, wütend, absurd, verspielt, geheimnisvoll... Oder ich decke es wieder zu mit einer dicken Farbschicht, die aufbrechen wird, irgendwann."

(Ateliernotiz, März 2001)