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Auszüge aus dem Bericht über die Ausstellung "aus dem fluss gezogen" im Reutlinger Generalanzeiger vom 16.10.2010

Wer sich in der Produzentengalerie "Pupille" auf Entdeckungsreise in Annette Janles Bilder begibt, der gerät auf unsicheren, geradezu flüssigen Grund: Bestimmend sind organisch wuchernde Formen, blutrote oder meergrüne Schlieren, zarte Strukturen. Alles schwebt, entgleitet der Festlegung, lässt Raum für mannigfache Interpretationen. Erst auf den zweiten Blick sieht man den festen, sicheren Unterbau der Bildkomposition in Form von rechtwinkligen Farbblöcken hinter transparenter Übermalung oder richtungsgebenden Leitern als Formelement, akkurater Schraffierung oder gedoppelten, scharf konturierten Kreisen. (...) Vielschichtig ist nicht nur ihre Arbeitsweise mit Acryl, Grafit, Kreide und Collage. In dem Panoptikum aus Formen, Farben und metaphorisch verfremdeten Figuren findet sich auch Text. Abstrakter Text, wie die Künstlerin dessen Inhalt und Form resümiert. Sie, eine Rechtshänderin, schreibt den Text bewusst mit Links, um zu ihm Distanz zu bekommen und wieder zurückzufinden zum kindlich-mühseligen Schöpfungsprozess jeden einzelnen Worts. (...) Doch zu humoriger Sichtweise laden die Bilder selten ein. Sie sind nicht lustig, aber liebevoll. Nicht nur liebevoll gearbeitet, sondern Ausdruck eines liebevollen Blicks auf die Welt. Janle spart durchaus nicht den Müll aus, den sie aus dem Wahrnehmungsstrom ihres Lebens fischt. Aber sie bindet ihn ins große Ganze ein, und das sieht sie positiv (… ).

 

Auszüge aus der Einführungsrede von Michael Raffel
Kunstverein Biberach, 29.August 2008

Über die Arbeiten mit integrierten Texten:

Um sich der Besonderheit dieser Bilder zu nähern, um zu begreifen, auf welche Weise Bild und Text hier eine Einheit eingehen, muss man zuerst die via negationis einschlagen, also aufzeigen, was diese Bilder und der auf ihnen zu sehende Text nicht sind: Es geht hier nicht darum, Bild und Text als definitiv verschiedene Medien zu kontrastieren, auch nicht darum, den Text als bloßes graphisches oder illustratives Element einzubauen. Und erst recht ist der Text nicht Kommentar oder Erklärung oder Satire oder was immer er als konventioneller Bedeutungsträger sein kann. Ganz im Gegenteil werden in diesen Werken Text und Bildgeschehen nahtlos zu einer neuen Ebene zusammengefügt. Ein durchaus planer, in allen Richtungen offener Raum wird aufgespannt, innerhalb dessen eine ganz neue Qualität von Erfahrung möglich wird. Wir spüren instinktiv, dass wir die "Story", die Fabel dieser innigen Verbindung von Text und Bild verstehen und nachvollziehen können, dass uns die Freude an den neuen Wort- und Bildverbindungen ergreift. Aber zugleich wissen wir, dass wir zwar das dafür nötige Sensorium besitzen, es aber noch nicht bis zur begrifflichen Konkretheit ausgebildet haben. So bleiben diese Bilder für den Betrachter immer offen, in alle Richtungen frei und Herausforderung zu einer neuen Ästhetik, der nachzuspüren die reine Lust ist: Wir werden auf unprätentiös gelassene, durch keine Konzeptionen eingeengte Weise als Teilnehmer eines leichtfüßigen Spieles ganz neu ernst genommen.

Diese Selbstverständlichkeit weit ab von Intentionen und Ideologien, mit der Annette Janle ihre Bilder schafft und in ihnen immer wieder das herkömmliche Verständnis von Symbol und Bedeutung in Frage stellt, ja oft sogar ganz bewusst vernichtet, verbindet die Malerin mit der von ihr bewunderten Autorin Gertrude Stein. Diese hochmoderne Dichterin, die weder Ergebnis einer Tradition oder Mode war noch welche begründet hat, arbeitete mit derselben unaufgeregten Beharrlichkeit an einer Veränderung unseres Umgangs mit dem "Material" Sprache, wie Annette Janle mit den Formen und Farben und Texten ihrer Bilder umgeht. Man hat von Gertrude Stein gesagt, ihre Worte hätten keine Geschichte, sie seien stets exakt so alt wie die Zeit, in der wir mit ihnen umgehen. Gleiches möchte man von Annette Janles wunderbaren, immer neuen, immer offenen, jedoch niemals beziehungslosen Bildern (...) sagen: dass sie in jeder Phase unserer Annäherungen und unseres Verstehens ganz unmittelbar erst entstehen und uns dabei in die Freiheit des unbelasteten Augenblicks mit hineinnehmen. Janles und Steins unzweifelbar vorhandene, unmittelbare Substanz bannt nicht in eine Konvention, sondern gibt den Formen und Inhalten ihre Fähigkeit zurück, Verbindungen jenseits aller präfigurierten Verständnismodelle und -zwänge einzugehen.

 

Auszüge aus der Einführung zur Ausstellung "Neue Ufer"
Rathaus Waldenbuch 2007

Wenn Sie die Arbeiten von Annette Janle kennen, dann sehen Sie in dieser Ausstellung auf den ersten Blick, dass sich in den letzten 1 ½ Jahren die Formen und Farben verändert haben, dass Texte Einzug gefunden haben in ihre Bilder und dass sie die Zeichnung für sich entdeckt hat.

Im Herbst 2005 begann Annette Janle vermehrt mit Tusche, Kreide, Ölpastell und Graphit zu zeichnen. Die Farben sind zurückgenommen, die Bildfläche offen und neue Metaphern tauchen auf. Es sind Elemente darunter, die wir aus früheren Arbeiten kennen, wie die Leiter, die Ebenen miteinander verbindet oder Querverbindungen herstellt. Oder die schwarze, durchgestrichene Linie, die einen Ort markiert, aber auch das Bild in die Tiefe öffnet. Aber wir treffen auch auf völlig neue Elemente wir organartige Formen, Zellstrukturen und Gefäße, die in ihrer Struktur an anatomische Zeichnungen erinnern.
Jede Form der künstlerischen Betätigung ist auch immer eine Art der Weltaneignung und eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben. Annette Janle hat Erfahrungen aus jüngerer Zeit in eine neue Bildsprache übersetzt, die deutlich fragiler und verletzlicher anmutet und auch einem Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit Ausdruck verleiht. Symbolisiert wird das unter anderem durch Häuser auf Stelzen, die liegende menschliche Figur, aber auch durch abstraktere Elemente wie feine Liniengewusel oder energiegeladene Formverdichtungen.

Viele der Blätter sind "Blindzeichnungen", d.h. die Künstlerin hat mit geschlossenen Augen, ohne visuelle Kontrolle ihre inneren Bilder unmittelbar auf das Papier übertragen. Die Zeichnungen haben den Charakter einer sehr persönlichen Handschrift, sie geben Auskunft über die Befindlichkeit der Zeichnerin. Jeder einzelne Strich trägt deutliche Spuren von Intimität, Intensität und Privatheit - Zeichnen wird so zu einer sehr berührenden Form des Ausdrucks von Fühlen und Denken.

Die intensive Beschäftigung mit der Zeichnung hat auch die Malerei von Annette Janle verändert. Wir entdecken mehr zeichnerische Elemente ihn ihnen und in der Zeichnung entwickelte Formen wie die Klammer oder Organisches finden auch Eingang in die Gemälde. Ein neue Dimension wird einigen Bildern durch eigenwillige Texte hinzugefügt. Es sind Texte, die Annette Janle selbst, inspiriert von Getrude Stein, verfasst und in einer Art Kinderschrift in ihre Bilder einschreibt. Nach herkömmlicher Auffassung sind Texte in Kombination von Bildern dazu da, eben diese zu erklären, logisch schlüssig und leicht verständlich zu sein. Diese Erwartungshaltung hebt Annette Janle aus den Angeln. Texte wie "Alte Weggefährten verzichten heuer auf Grußworte und wagen den Sprung" sind für uns nicht im eigentlichen Sinne lesbar, sondern erscheinen philosophisch und irreführend zugleich. Anstatt analytisch erschließbar zu sein, ist der Text genauso abstrakt wie das Bild selbst und führt das Bedürfnis des Betrachters nach Eindeutigkeit ad absurdum.

In Annette Janles Arbeiten hat schon immer das Unterwegssein als künstlerische Inspiration eine wichtige Rolle gespielt. Immer wieder tauchen in ihren Bildern Wege auf, Verbindungslinien, Fluchtpunkte, Oasen der Ruhe und Schiffe und Boote als Mittel der Fortbewegung. In einem Bild heißt es "Bootsflackern geht nieder … es bleibt am Ende eine längere Note, ein gut gewählter Landgang." Das Unterwegssein als Bereicherung des eigenen Bewusstseins braucht eben auch die Landgänge und die neuen Ufer, die es zu entdecken gilt und davon finden sie in dieser Ausstellung viele Anregungen.

Dagmar Waizenegger, M.A.

 

Ausschnitte aus einer Eröffnungsrede, Juli 2005

Annette Janles Bilder sind aus vielen Schichten aufgebaut. Die Farbe wird teilweise abgekratzt oder abgewaschen, es werden Linien eingeritzt und Flächen übermalt. Die vielen Farbüberlagerungen öffnen Krater und Vertiefungen, es bilden sich Nähte und Narben. Organisches stößt auf Konstruiertes, Bewegtes auf Statisches, Zeichen auf Fläche.
Die Künstlerin überlässt sich einem Schaffensprozess, der ganz eigene Gesetze hat. Sie sagt dazu: "Da ist eine weiße Fläche, dann breche ich auf, mache mich auf den Weg, fange also an Farben aufzutragen, erst einmal ohne zu wissen, was sich entwickeln wird."
Jeder gemalte Strich, jede Fläche, jede Farbe schafft eine neue Situation, verändert das Gleichgewicht. Das Bild wird so zum Ausdruck der ständigen Veränderung, des "Unterwegs-Seins", wie Annette Janle es formuliert. Wie sich ein bestimmter Lebensweg entwickelt, mit all seinen Höhen und Tiefen, so entwickelt sich auch das Bild.

Farben, Kontraste und die Prozesshaftigkeit sind entscheidend für die Bildsprache von Annette Janle. Aber auf unserem Weg durch ihre Bilder finden wir auch immer wieder "Wegweiser". Figurationen bilden sich, Räume entstehen und Zeichen und stilisierte Formen tauchen auf. So zum Beispiel die Leiter, die Ebenen miteinander verbindet oder Querverbindungen herstellt. Oder die schwarze, durchgestrichene Linie, die vielleicht nur einen Ort markiert, aber auch das Bild in die Tiefe öffnet. Manche Elemente muten an wie archaische Zeichen, so zum Beispiel die ovalen und runden Formen, manches könnte man auch gegenständlich deuten wie das Gefäß im "Schwarzmilchcontainer". Diese wiederkehrenden Symbole bilden Markierungen, die die Bilder strukturieren, aber auch Fragen aufwerfen.

Immer wieder geben Öffnungen und Durchbrüche den Blick frei auf tiefer gelegene Farbpartikel, Strudel und Bewegungen. Farbliche Transparenz und Raumtiefe ziehen den Betrachter ins Bild. Man verschwindet in den Tiefen des Bildes oder hält sich fest an linearen Strukturen. In einigen Arbeiten wirken die Einritzungen wie Schriftzeichen, vor allem wenn es weiße Elemente auf schwarzem Grund sind. Unbewusst suchen wir nach Zeichen, die wir eindeutig lesen können, aber die Bilder verweigern die vordergründige Lesbarkeit. Der Ort des Bildes ist der Betrachter, sind wir selbst.

Dagmar Waizenegger, Kunsthistorikerin