The Damaged Sheet — An Attempt on Fragility in Annette Janle’s Drawings

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The hand is line so much, the pencil body so much that, craving to exist and yet not knowing if it may, it has to emerge inevitably. All creature form often animal still, then pure, exposed organ as if creating a whole could never be accomplished – heart, liver, stomach are left like question marks dropped out of the fairy tale of the happy painter, where nobody knew them to be in the first place. For there are no question marks in fairy tales. But now, having been lost, they are all the more beautiful. From the fairy tale, they have taken across some colour into their loneliness, flesh for a new life. Unlike the line it is supposed to be unbent.

These drawings do not confront you. They take you by your hand as if you were wielding the pencil. Their beauty loves you. You guess their way. Feeling their quivers, you begin to love them back.

 

Michael Raffel (2008)

Iceland Works

Was du nicht siehst, ist trotzdem da“, kann man bei Annette Janle lesen.(...) Das große Gemälde „Map of Hidden People“ (...) enthält nicht weniger als zehn fertige Bilder. Das, was der Betrachter nicht sieht, sind die verborgenen Zeugen eines langen Prozesses, der stets für andere Wege offen gehalten wird. Motor und Richtung dieses Prozesses ist der Widerstand gegen das Diktat der Harmonie, der Ausgewogenheit. Tilgung, Zerstörung, ja Verwüstung sind Etappen im produktiven Kampf gegen die falsche Geschlossenheit. Man könnte von einer Arbeitsweise sprechen, die in kontrollierten Anläufen gegen die Kontrolle gerichtet ist. Ein Reibungswiderstand muss in jedem Bild enthalten sein, wenn es offen bleiben will. Davon zeugen nicht nur die unsichtbaren, sondern auch die sichtbaren Schichten.“
 
Dorothea Dieckmann (2015)
 

Tagwerke, Bildstücke

Arbeiten von Annette Janle sind unwegsame Gelände und Körper. Flächenareale, Farbschollen, Lichtlandschaften erscheinen zunächst in klar umrissene Grenzkonturen gesetzt, gleichzeitig aber leiten lineamente Gebilde, grafische Strukturen und skripturale Fährten in ein unbekanntes Niemandsland. Unbändig dehnt es sich über die eigentlichen Formatgrenzen hinaus aus: jedes Werk, jedes Bildstück auch Teil eines weiteren, täglich neu sich mitteilenden Bildganzen. Die dieserart so sorgsam geordnete Wildnis ist aus immer wieder neuen Schichtungen von Form und Farbe entstanden, aus zuvor innen entdeckten und einander unversehens wieder überlagernden Bildgedächtnissen unterschiedlichster Herkunft, die das Kontinuum von Raum und Zeit gleichermaßen aufgelöst haben. 

Die Seherfahrungen, Gedankenimpulse und Sinnsplitter, die die Künstlerin dabei ihrer unmittelbaren Umgebungswirklichkeit entnimmt, fügen sich zu einer neuen Bildwirklichkeit: Schicht um Schicht und Tag um Tag im Malmaterial angelegt, lenken sie den Blick in die Tiefe des bewusst-unbewussten körperinneren Territoriums. Da hinein und dahinter führen angelehnte Leitern, Liniengeländer, labyrinthische Wegenetze, verschlungene Aderläufe, ein vegetabiles Wachsen und Wuchern; bis dann die Augen mitten im Sog wieder jäh in’s Stocken geraten, unwillkürlich angelangt an abrupt gezogenen Farbkanten anorganischer Geometrien oder den unplanmäßigen Fundorten schattenhafter Silhouetten der Erinnerung, die sich gegen die malschliere Verschleierung der Gegenstände widerständig zu behaupten wissen. Erst einmal in das Verborgene Sehen verstrickt, gerät es – im Fließen und Versiegen, im Treibenlassen und Gegenhalten – auf alle Fälle schier unentrinnbar. 

Diese Auflösungserscheinungen der wirklichen Welt, das Übersetzen in eine bildnerische Sprache, dienen Annette Janle der Selbstvergewisserung und individuellen Weltverortung. Ob identifizierbare, bruchstückhaft erhaltene Relikte eigenen biografischen Erlebens oder aber die nachvollziehbar physisch-gestische Spur der Malprozesse selber: dem anhaltlosen simultanen Bewusstseinsströmen menschlicher Existenz im Allgemeinen entsprechen die unstillbaren Bilderströme ihrer malerischen Aufzeichnungen, Notizen und Notationen im Besonderen ganz und gar. Dieses Verströmen prägt den malerischen Prozess und die Bildfindung: Leinwände werden immer wieder gedreht, kopfüber gestellt, Gestalt(en) verworfen, mutwillig getilgt und sorgsam wieder an die Oberflächen geholt, Schichten geschieden oder eng verschmolzen, Formen beschnitten, aus Zusammenhängen gerissen und – indem die allgegenwärtigen Fallen künstlerischer Routinen entlarvt und behutsam umgangen werden – in ganz neue gestellt. 

Eigenmächtig geworden schlagen zwischenzeitlich die Flächen den Ton an, strichdichte Raumfühler vermessen die Weite der Landschaft, bewegen sich zwischen ihren Körperorten. Die Farbe bringt untergründiges Rauschen und Raunen ins Bild, und – Stück für Stück, wägen und wagen – wispert die Linie, beherzt eingeschrieben, aus ihr hervor. 

Was du siehst, ist trotzdem nicht da ? – Was du nicht siehst, ist trotzdem da.

 

 Clemens Ottnad

 

 Annette Janle’s works are hard to navigate topologies. Areas, clods of color, landscapes of light seem to be conveniently contained by well defined boundaries, while at the same time lineaments, graphical structures and quasi typographies insist on hinting at a no man’s land yet uncharted. By easily, indomitably transcending format definitions, it transforms every single piece and every fragment thereof into constituents of a much larger eidetic entity. A well managed wilderness emerges from stratification processes organizing pictorial memories of the most diverse provenance - thus dissolving both standard time and space. 

The visual perceptions, thought impulses and splinters of meaning the artist gathers in her immediate surroundings find their way into a new eidetic reality: introduced into the painting’s realm layer by layer, day by day, they grant perspectives on the unconscious-conscious territory contained by the human body. Metaphorical ladders, lines put to service as railings, labyrinthine networks of pathways and veins in vegetal proliferation lead into and beyond that territory, till the eye is brought to a sudden halt by colorful borders of an-organic geometries or by the shadowy silhouettes of memory, occurring unexpectedly and offering resistance against the overly generous, painterly obfuscation of the objective world. Entrapped by seeing the hidden, ensnared by the delights of flowing and drying up, of drifting loose and getting caught, the viewer can hardly break free. 

Yet making the real world malleable, transforming it into an eidetic language serves a specific purpose for Annette Janle: in the process, she asserts herself and her relationship to the outside world. It might be identifiable, fragmentarily preserved relics of her own actual experiences, or it might be the traceable physical / gestural imprint of the act of painting itself - the incessant, simultaneous streams of human consciousness find their exact mirror in her relentless stream of paintings and pictorial notations. Her very technique as a painter mimics that streaming, meandering motion. Canvasses are being rotated back and forth or put upside down. Figures are being marginalized or covered entirely only to be excavated again, with painstaking care. Layers are being separated or amalgamated, forms are being cropped, extracted from their context and integrated into another - thus enabling the artist to both expose and gently circumvent the ubiquitous pitfalls of artistic routine.

 Meanwhile, uppity expanses have striven to gain control and dense vibrissal groups gauge the landscape’s extent, moving between their anatomical locations. Color infuses the image with a subliminal noise and murmur, and the firmly color-embedded lines, measure for measure, stopping and going, deliver their whispered statements.

What you see is absent nonetheless? What you don’t see proves real after all.

 

 Clemens Ottnad (Translation: Marcus Hammerschmitt)